Tag des offenen Denkmals erstmals auch im Stadtteilzentrum

Eintrag vom: 10.10.2006 - 10:39 Uhr

Ist der Pfefferberg seit Jahren in der „Offenen-Denkmal-Szene" etabliert, öffnete erstmals das Stadtteilzentrum seine Türen und gab Einblicke in die Geschichte(n) des ehemaligen jüdischen Kinderheims in der Fehrbelliner Straße 92.
Das Nachbarschaftshaus hat sich gemeinsam mit den beiden Kolleginnen der Selbsthilfekontaktstelle und mit Inge Franken, der Frau, die als Teilnehmerin der Dialoggruppe One by One in das Haus kam und sich der Geschichte des Hauses annahm, am diesjährigen Tag des Offenen Denkmals beteiligt. Am 9. und 10. September kamen etwa 160 Interessierte: ein riesiger Erfolg!
Dem Fotografen Abraham Pisarek verdanken wir eine große Anzahl von Fotografien des Hauses Fehrbelliner Straße 92 aus den Jahren 1934 -1936. Damals war es ein Jüdisches Kinderheim mit Kindergarten, Hort und Bibliothek. Pisarek, selbst deutscher Jude, war es bereits zu dieser Zeit nicht mehr möglich, als Theaterfotograf zu arbeiten. Den Kindern auf den Fotos ist die Bedrohung um sie herum nicht anzusehen. Sie spielen und lernen in dieser Zeit noch unter der Obhut eines Vereins mit reformpädagogischen Zielen.
Diese Fotografien standen im Mittelpunkt der beiden Denkmal-Tage. Einmal als Fotodokumenation in der 2. Etage, zum anderen als „Blickpunkte" an den Stellen im Haus und auf dem Hof, wo sie vor 70 Jahren von Pisarek aufgenommen worden sind. Ruth Gross, seine in Berlin lebende Tochter, hat uns dafür sehr schöne Fotos zur Verfügung gestellt; auch solche, die kein Fotograf veröffentlichen würde, die aber dennoch von großem dokumentarischem Wert sind.
Wir sehen die Erzieherinnen auf „unserem" Balkon sitzen, die Kinder in der Galerie Hausaufgaben machen, im Garten spielen und im Aktionsraum turnen. Und wir sehen wie schön das Haus gebaut worden war mit ovalen Fensterchen, Bögen und Reliefs. An beiden Tagen hatten wir Personen zu Gast, die auf besondere Weise mit dem Haus  verbunden sind. Ruth Gross erzählte, dass ihr Vater einer derjenigen war, die 1943 in der Rosenstraße gefangen gehalten wurden und sie selbst zu den Kindern gehörte, die mit ihren Müttern tagelang davor standen, bis die Gefangenen frei kamen.
„Dass ich noch einmal hier sein kann vor meinem Finish!" sagte Jakob Herfeld, ein anderer Zeitzeuge, als er das Haus betrat. Heute ist er fast 94 Jahre alt. Von 1916 bis 1926 war er hier im Kindergarten und im Hort, lange noch bevor die Fotos entstanden sind. Ein bisschen traurig war er schon, niemanden zu erkennen. Begleitet wurde er von Eva Nickel, einer Nachbarin, deren Schwestern hier in den Kindergarten gingen, bevor sie versteckt und dann doch verraten und umgebracht worden sind.
Diese Lebensgeschichten hat Inge Franken in ihrem Buch mit dem Titel „Gegen das Vergessen, Erinnerungen an das Jüdische Kinderheim" veröffentlicht. Inge Franken selbst führte die Gäste durch das Haus und erzählte an den entsprechenden Stellen die ihr zu Ohren gekommenen oder im regen Briefwechsel erfahrenen Geschichten der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.
Zur „Erfolgsbilanz" der Denkmaltage zählt unter anderem auch die Spendeneinnahme von 290 Euro. Zusammen mit den bereits zusammengetragenen Geldern aus anderen Veranstaltungen und durch den Verkauf des Buches von Inge Franken werden wir so in die Lage versetzt, die Rechte an ungefähr 30 Fotografien von Abraham Pisarek dauerhaft zu erwerben.

Susanne Besch | Nachbarschaftshaus
& Projektebüro „Dialog der Generationen"

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Erstellt am 26.11.2002 | Letzte Aktualisierung: 04.10.2008