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Segelboot-Zeitreise im Nachbarschaftshaus

Eintrag vom: 22.06.2007 - 16:51 Uhr

Ein Foto mit Kindern, die aus Garnrollen, Holzstöckchen und Stoffresten Segelboote bauen... Es könnte eine Szene in der Werkstatt des Stadtteilzentrums sein. Das Haus ist das Gleiche, die Bastelaktion aber fand vor 70 Jahren statt und wurde nun in einer Zeitreise wiederholt. Angeregt durch die Fotos von Abraham Pisarek, dem wir Einblicke in das Leben des Hauses verdanken, als es noch das Jüdische Kinderheim war (siehe dazu auch Artikel im Rundbrief Okt./Dez. 2006), entstand die Idee, Kinder das Segelboot nachbauen zu lassen und ihnen damit die Geschichte des Hauses nahezubringen.

Für 24 Kinder einer Schulklasse der Heinrich-Roller-Grundschule im Alter zwischen 9 und 11 Jahren begann am 22. Mai die Reise in die Vergangenheit mit einer Kreidezeichnung eines Zeitflusses auf dem Pflaster des Hofes. Am Ufer des Zeitflusses wurde das heutige Haus Fehrbelliner Straße dargestellt – mit modernem Außenlift. Mit dem getreuen Nachbau des Segelbootes ging dann die Reise in die Vergangenheit los: vorbei am Jahr 1997, als die Kinder selbst in den Zeitfluss gesprungen waren, bis zu dem Haus im Jahr 1989; nun waren sie an der Stelle, die die Erwachsenen die Wende nennen. Da gab es noch keinen Fahrstuhl und das Haus war für lange Zeit Kindergarten und Kindergrippe in der DDR gewesen. Dann ging es weiter rückwärts durch die Zeit der Eltern und Großeltern bis zum Haus von 1945; etwas beschädigt hatte das Haus den Krieg überstanden. Das Boot fuhr weiter bis ins Jahr 1910, als das Haus zum Jüdischen inderheim umgebaut wurde. Wir wagten uns noch ein Stück weiter bis in das Jahr 1864, in dem das Haus als Wohnhaus ohne Terrassen gebaut worden war, mit Ställen im Hof für Pferde und Kühe.
Während der Zeitreise rechneten die Kinder aus, wie viele Jahre jeweils vergangen waren, sie dachten nach, welche ihrer Verwanden sie welcher Zeit zuordnen können und sie erzählten, was sie von den Zeiten wüssten. An einem Punkt machten wir kehrt und ließen uns treiben bis zu der Zeit, in der das Segelboot gebaut worden ist. Im Jahr 1937 gingen wir an Land – und sind zur Fotodokumentation in die
2. Etage gestiegen. Die Kinder hatten Fragen zum Schicksal der Jüdischen Kinder auf den Fotografien. Die Namen einzelner Erzieherinnen haben wir nach und nach durch die wenigen  Überlebenden erfahren. Die Namen der Kinder auf den Bildern kennen wir nicht, auch nicht derer, die wir beim Bau des Segelbootes sehen können.
Dann gingen wir in die heutige Werkstatt, wo für jedes Kind Material zum Bauen eines eigenen Segelbootes bereit lag. Mit Unterstützung des Werkstatt-Teams, Anat, Wenke und Manfred, entstanden 24 kleine Boote. Anat zeigte den Kindern, wie sie ihre Namen mit hebräischen Schriftzeichen auf die Segel schreiben können. Am Ende stand eine ganze Regatta auf unserem Zeitfluss, den die Kinder inzwischen ausgemalt und so erweitert hatten, dass Zukunft und Vergangenheit zusammentrafen. Nach einer Abschlussrunde fuhren alle Kinder mit ihren Segelbooten zurück in die Gegenwart. Boote mit Namen für die namenlosen Kinder des Hauses, die wir nicht kennen.
Wir möchten auch noch anderen Schulklassen und Kindergruppen solch einen Projekttag anbieten. Es war eine tolle Erfahrung, das Feedback war ausgesprochen gut. Wir hatten uns vorher gefragt, wie wir die Kinder mit der Geschichte des Hauses und dem Schicksal der Kinder konfrontieren können. Mit dieser Altersgruppe zumindest klappte es hervorragend. An einer Idee wie wir auch ältere Kinder und Jugendliche an die Thematik heranführen können, arbeiten wir noch.

Susanne Besch | Nachbarschaftshaus & Projektebüro

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Erstellt am 26.11.2002 | Letzte Aktualisierung: 31.05.2010